Ernst von Bergmann und sein Haus in Potsdam

1882 trat Ernst von Bergmann die Nachfolge Bernhard von Langenbeck's an der Charite in Berlin an. Die Familie wohnte zunächst am Kronprinzenufer 1, später am Alexanderufer 1. Diese Wohnung sollte von Bergmann bis zu seinem Tode benutzen.

 

Nach den Verwicklungen um die Behandlung des Kronprinzen Friedrich, der 1888 als Kaiser Friedrich III. starb, entschloss sich von Bergmann, den Wohnsitz der Familie nach Potsdam zu verlegen. 1890 erfolgte die Grundsteinlegung zum Wohnhaus in der heutigen Berliner Vorstadt. Nach Fertigstellung des Gebäudes übersiedelte die Familie nach Potsdam, von Bergmann selbst benutzte während der Woche die Wohnung am Alexanderufer in Berlin und verbrachte die Wochenenden in Potsdam.

 

Zur damaligen Zeit bestand eine gut funktionierende Bahnverbindung zwischen Potsdam und dem Potsdamer Bahnhof in Berlin, welche von Berufspendlern in beide Richtungen benutzt werden konnte. Der Transport zum und vom Bahnhof erfolgte per Pferdekutsche, da das Automobil sich erst später durchsetzen sollte.

 

Die Familie von Bergmann führte ein "großes Haus" mit zahlreichen Bediensteten. Familienmitglieder aus dem Baltikum waren häufig längerfristig zu Gast, von Bergmann's Schweigermutter Luisen von Porbeck wohnte bis zu ihrem Tode im Hause der Familie. Alle Familienfeste wie die Hochzeiten der Kinder und die Taufen der Enkel wurden in dem Anwesen gefeiert. Solange die Kinder kleiner waren, wurden an den Wochenenden im Sommer Ausflüge in die märkische Umgebung unternommen. Im Winter fanden am Nachmittag Lesestunden statt. Von Bergmann liebte es, der Familie aus den Werken seiner Lieblingsschriftsteller Paul Heyse, Adalbert Stifter und besonders Conrad Ferdinand Meyer vorzulesen. Gelegentlich besuchte die Familie den Sonntagsgottesdienst in der Friedenskirche, wo sich von Bergmann als glänzender Redner hin und wieder als Prediger betätigte.

 

Wenn von den Kindern Probleme ihrer Schulkameraden an von Bergmann herangetragen wurden, nahm er sich dieser an. Sein Engagement ging so weit, dass er gelegentlich vor Gericht als Gutachter auftrat und Kraft seiner Persönlichkeit auch hier erfolgreich war.

 

Im Kellergeschoß war das Familienarchiv der baltischen Sippe von Bergmann. Mit dessen Hilfe verfasste Ernst von Bergmann eine seinem Sohn Gustav gewidmete Familienchronik, die 1896 im Verlag Schumacher - Berlin gedruckt wurde.

 

Häufige Gäste, auch bei Familienfeiern, waren bedeutende preußische Beamte wie Gustav von Gossler (u.a. Preußischer Kulturminister), mit dem von Bergmann seit seiner Tätigkeit in Würzburg befreundet war, Karl-Heinrich von Boetticher (Staatssekretär), Julius Robert Bosse (Nachfolger von Gossler's) oder Heinrich Konrad von Studt (Minister für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten) mit ihren Familien.

 

Von Bergmann behandelte den in Potsdam wohnhaften Unternehmer Hermann Hoffbauer bis zu seinem Tod 1884. Danach hielt er engen Kontakt zur Witwe Clara, die das beträchtliche Vermögen des kinderlosen Ehepaares in eine Stiftung einzubringen gedachte. Im Juni 1901 wurde die Stiftung bestätigt und von Bergmann war bis zu seinem Tod Vorsitzender des Kuratoriums. Mit der Stiftung verbunden war die Gründung eines Krankenhauses auf der Insel Hermannswerder, dessen Instruktionen von von Bergmann verfasst wurden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Besetzung der Chefarztposition erhielt Heinrich Wolff, ein Schüler von Bergmann's aus Berlin die Stelle, die er bis 1933 innehatte. Von Bergmann assistierte bis zu seinem Tod seinem Schüler regelmäßig bei komplexen Operationen. Schon zuvor hatte er als Gastarzt im Städtischen Krankenhaus im Jahr 1899 die erste Appendectomie in Potsdam durchgeführt.

 

Ein besonders enges Verhältnis bestand zwischen Ernst von Bergmann und seiner Tochter Bertha, die ihm auch im Operationssaal der Klinik in der Ziegelstrasse, Berlin assistierte. Kongressreisen ins Ausland unternahm er gerne zusammen mit ihr und seiner Frau, beispielsweise zum 100 jährigen Jubiläum des Royal College of Surgeons in London im Jahre 1900. Auf der Rückreise besuchte man einen internationalen medizinischen Kongress in Paris, wo im selben Jahr die Weltausstellung stattfand. Die Familie erholte sich danach im niederländischen Seebad Zandvoort, bevor sie nach Potsdam zurückreiste.

 

Beide begleiteten Ernst von Bergmann auch 1906 nach Edinburgh anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der dortigen Universität. Die Rückreise nach Potsdam erfolgte über Paris und Nizza.

 

Neben diesen Kongressreisen unternahm Ernst von Bergmann zahlreiche Reisen ins Ausland, wohin er häufiger zur Behandlung prominenter Patienten gerufen wurde. Diese Reisen mit der Eisenbahn waren sehr zeitaufwendig, und von Bergmann nutzte die langen Zugfahrten zur Bearbeitung von Manuskripten. 1906 wurde er zweimal zur Behandlung der Lieblingstochter des Sultans Abdülhamid II. ins damalige Konstantinopel gerufen. Die zweite Reise erfolgte von Potsdam aus, wo von Bergmann den Maler Julius Sergius von Klever zu Gast hatte, von dem er sich ein Gemälde seines Potsdamer Hauses im Mondlicht erwartete.

 

In seinen letzten Lebensjahren delegierte von Bergmann zunehmend operative Eingriffe an seine Mitarbeiter, da ihm die Tätigkeit im Operationssaal nicht mehr so leicht von der Hand ging. 1906 war von Bergmann nur noch Montag und Dienstag sowie Donnerstag und Freitag in Berlin tätig und verbrachte die übrigen Tage in Potsdam. Die offizielle Feier anlässlich seines 70. Geburtstages am 16.12. wurde allerdings im Neuen Schauspielhaus in Berlin abgehalten. Seine Familie reiste zu dem festlichen Ereignis an und wohnte in Potsdam. Über Weihnachten entwickelte seine jüngere Tochter Alice Beschwerden mit der Gallenblase. Am 2. Januar 1907 reiste von Bergmann mit der ganzen Familie von Potsdam nach Halberstadt, wo der seinerzeit weltweit berühmteste Gallenblasenchirurg Hans Kehr im Beisein von Bergmann's die Operation durchführte.

 

Schon bei dieser Reise hatte Ernst von Bergmann Rücken- und Bauchbeschwerden. Er vermutete, einen Dickdarmtumor zu haben und plante, seinen Lehrstuhl aufzugeben. Zunächst reiste er jedoch mit seiner Frau zur Kur nach Wiesbaden, wo sich die Beschwerden verschlimmerten. Sein früherer Assistent Hans Schlange aus Hannover, in der Bergmann'schen Klinik früher der Spezialist für Dickdarmerkrankungen, wurde zugezogen und operierte von Bergmann zweimal. Obwohl sich die vermutete Tumorerkrankung nicht bestätigte, verstarb von Bergmann am 25.03.1907.

 

Der Leichnam wurde überführt und zunächst im Auditorium maximum der Universität Berlin, danach im von Bergmann selbst eröffneten Langenbeck - Haus aufgebahrt. Die Beisetzung erfolgte am Karfreitag, dem 29.03.1907 auf dem Alten Friedhof in Potsdam, wo sich auch heute noch die Grabstätte befindet. Von Bergmann's Schüler stifteten ein Portrait, das sich heute im Besitz der Hoffbauer - Stiftung befindet und trafen sich jährlich anlässlich des Todestages ihres akademischen Lehrers auf Hermannswerder.