Ernst Gustav Benjamin von Bergmann

... so sein vollständiger Name, entstammt einer baltendeutschen Pastorenfamilie und wurde am 16.12.1836 als Sohn des Pastors von Rujen Richard von Bergmann (1805 - 1878) und seiner Gattin Berta in Riga geboren. Großvater Dr. Benjamin von Bergmann (1772 - 1856) wirkte ebenfalls als Pastor in Rujen. Die Urgroßväter waren Brüder und ebenfalls Pastoren, Gustav von Bergmann (1749 - 1814) in Salisburg und Rujen, Dr. Liborius von Bergmann (1755 - 1823) Oberpastor in Riga.

 

Ernst von Bergmann wuchs überwiegend in Rujen auf und besuchte als weiterführende Schule die Anstalt in Birkenruh. 1854 endete die schulische Karriere abrupt vor dem Abitur nach unerlaubtem Besuch einer Tanzveranstaltung. Zur Zulassung zum Universitätsstudium unterzog sich von Bergmann einem Rezeptionsexamen vor einem Komitee der Universität Dorpat und wurde als Student zugelassen. Wegen seiner Sprachbegabung strebte Ernst von Bergmann das Studium der Philologie an, aber alle Studienplätze waren bereits vergeben. Freie Studienplätze waren nur noch in den Fächern Theologie und Medizin vorhanden und von Bergmann wählte den Studiengang Medizin.

 

Obwohl er das Studium interessant fand, entwickelte sich sein Interesse für die Chirurgie erst spät. Noch vor dem Philosophicum (Vorphysikum) schrieb er seiner Mutter Berta 1856: "Die Masse von Instrumenten, ihre Erfinder, ihre Verbesserer, ihre Konstruktion zu memorieren ist ebenso langweilig wie schwierig." Von Bergmann war im Laufe seines Studiums zunächst sehr beeindruckt von dem Professor für Pharmakologie Rudolf Richard Buchheim (1820 - 1879), der ihn auch zur Promotion führte. Die in lateinischer Sprache verfasste Dissertation mit dem Titel "De balsami copaivae cubequarumque in urinam transitu" beschäftigt sich mit dem Nachweis der Wirkstoffe zweier Heilpflanzen, des Copaivabalsams und der Kubebe, im Urin und wurde 1860 vor der Fakultät verteidigt.

 

Von Bergmann interessierte sich für viele Facetten der Medizin. Der ordentliche Professor für Chirurgie Georg Philipp von Oettingen (1824 - 1916) verschaffte ihm nach der Promotion eine Anstellung als Assistenzarzt in der Chirurgischen Klinik und schon 1862 schlug er ihm vor, nach einer Dissertation pro venia legendi Privatdozent für Chirurgie zu werden. Von Bergmann schrieb seinem Vater: "Alea jacta est. ... Dein alter Wunsch, mein lieber Papa, soll erfüllt werden: ich soll doch noch in Dorpat Professor werden" und in Bezug auf die Wahl des Fachgebietes: "Mit dem Entschluss, Chirurg zu werden, lasse ich die anderen Disziplinen fallen; sie werden mir hinfort nur noch dienen, soweit sie Dienerinnen meiner Hauptwissenschaft sind." 1864 erfolgte dann die Habilitation mit der Schrift "Zur Lehre von der Fettembolie" und von Bergmann wurde zum Privatdozenten ernannt.

 

Er erhielt ein Reisestipendium der Fakultät, welches ihm zwischen Februar 1865 und Februar 1866 den Besuch der führenden Einrichtungen und der führenden Chirurgen in Europa ermöglichte. Ziel seiner Reisen waren Königsberg (Albrecht Wagner), Breslau (Albrecht T. Middeldorpff), Wien (Johann von Dumreicher, Franz Schuh, Franz von Pitha, Carl von Rokitansky), München (Johann von Nussbaum), Heidelberg (Carl Otto Weber), Leipzig (Gustav B. Günther) und Berlin (Bernhard v. Langenbeck).

 

Nach der Rückkehr nach Dorpat begann der preußisch - österreichische Krieg (auch Deutscher Krieg, 1866) und v. Bergmann ersuchte die Fakultät, ihn als Kriegschirurg teilnehmen zu lassen. Alle bekannten Chirurgen der damaligen Zeit hatten Erfahrungen in der Kriegschirurgie und der junge Privatdozent war sich im Klaren darüber, dass er ebenfalls eine Expertise in diesem Sektor erwerben müsse. Die Abreise erfolgte nach der Schlacht von Königgrätz (3.7.1866), und v. Bergmann traf auf Albrecht Wagner (1827 - 1871), der neben seiner Tätigkeit als ordentlicher Professor für Chirurgie in Königsberg Generalarzt und Konsultierender Chirurg des I. Corps der Preußischen Armee war und begleitete ihn auf einer zweimonatigen Inspektionsreise durch die Preußischen Lazarette.

 

Von Bergmanns breit gefächertes klinisches Interesse führte zu Publikationen zu sehr unterschiedlichen Themen: "Ein Gallertkrebs" (1862), "Ein Beitrag zur Naturgeschichte der progressiven Muskeldystrophie" (1865), "Zwei Resectionen im Hüftgelenk mit tödtlichem Ausgange" (1865), "Ein Mittel zur Einschränkung der Syphilis in Dorpat" (1867), "Ueber das durch Fäulnis und Entzündungsproducte erzeugte Fieber" (1868). Neben klinischen Themen beschäftigte er sich mit experimentellen Studien: "Das putride Gift und die putride Intoxication" (1868).

 

In dieser Zeit entwickelte von Bergmann enge fachliche und persönliche Kontakte zu Georg Franz Blasius Adelmann (1811 - 1888), ordentlicher Professor für Chirurgie an der Universität Dorpat und heiratete am 16.03.1864 dessen Tochter Hildegard. Die Ehe verlief tragisch. Nach der Geburt einer Tochter verstarb Hildegard von Bergmann 1868 im Alter von nur 22 Jahren an den Folgen eines Mitralklappenfehlers. Die 1867 geborene Tochter Edith erlag im Alter von 4 Jahren einer Lungenentzündung nach Masern-Infektion, nachdem sie schon 2 Jahre lang unter einer chronischen Wirbelsäulenentzündung zu leiden hatte.

 

Im Deutsch - Französischen Krieg (1870-71) übernahm von Bergmann als Militärchirurg die Leitung des Reservelazarettes Seilerbahn im Hof des Mannheimer Schlosses zunächst unter Richard von Volkmann, später unter Theodor Billroth. Hier lernte er Pauline von Porbeck (1842 - 1917) kennen, die wie viele junge Damen der gehobenen Stände als Krankenschwester in den Barackenlazaretten tätig war. Von Bergmann wechselte schließlich aus Mannheim als Dirigierender Arzt in die Friedrichsbaracken nach Karlsruhe im Großherzogtum Baden, und am 24.04.1871 fand die Hochzeit mit Pauline von Porbeck statt. Das Paar war bis zum Tode Ernst von Bergmanns glücklich verheiratet und hatte zwei Töchter (Pauline und Alice) und den Sohn Gustav (1878 - 1955), der später auch Arzt werden sollte. Als ordentlicher Professor für Innere Medizin in Marburg, Frankfurt am Main und München gilt dieser als Begründer der Lehre von der funktionellen Pathologie (Pathophysiologie).

 

Nach dem Tod Albrecht Wagners, des Ordinarius in Königsberg, im Jahr 1871, erhoffte sich von Bergmann die Berufung auf den dortigen Lehrstuhl, die jedoch nicht zustande kam. In den folgenden Jahren lehnte er Berufungen nach Freiburg i. Breisgau, Bern und Kiew ab. 1875 bezog er mit der Chirurgischen Klinik in Dorpat ein neu errichtetes Klinikgebäude in Dorpat, das nach der Vorlage der Barackenlazarette im Amerikanischen Bürgerkrieg konstruiert war und möglichst viel umbauten Raum zu vertretbaren Kosten bot. Das Gebäude existiert noch heute und wird als Appartement-Haus genutzt.

 

Während des russisch-türkischen Krieges in den Jahren 1877-78 erhielt von Bergmann die Erlaubnis der Fakultät, als Konsultatchirurg der Donauarmee des Zarenreiches teilzunehmen und war dort Nicolai Ivanowitch Pirogoff (1810 - 1881) unterstellt. Pirogoff, der nach der Tätigkeit als ordentlicher Professor für Chirurgie und Pathologische Anatomie in Dorpat (1837 - 1840) Leiter der Militärmedizinischen Akademie in St. Petersburg geworden war, gilt als Erfinder des Gipsverbandes. Von Bergmann entwickelte die von der damals üblichen frühzeitigen Amputation bei Extremitätenverletzungen abweichende konservative Behandlung mit antiseptischen Verbänden und Ruhigstellung im Gipsverband und publizierte 1878 seine Erfahrungen ("Die Behandlung der Schusswunden des Kniegelenks im Kriege").

 

1878 folgte von Bergmann einem Ruf an die Universitätsklinik in Würzburg. In kurzen Biographien wirkt die Würzburger Zeit bei dem ansonsten sehr aktiven Chirurgen seltsam uninspiriert. Grund hierfür war eine schwere Erkrankung. Im März 1879 verletzte er sich bei der Behandlung einer infizierten Ellebogenfraktur am Finger. Es entwickelte sich eine Lymphangitis mit Lymphknotenabszessen in der Achsel, die er sich von seinem Assistenten Ottmar von Angerer (1850 - 1918, später Nachfolger Nussbaums in München) entfernen ließ. Die Stichwunde am Finger jedoch heilte nicht ab. Im Frühsommer des Jahres verlor von Bergmann eine junge Frau an den Folgen eines Erysipels und führte die Obduktion selbst durch. Im Juli 1879 entwickelte sich bei ihm selbst ein Erysipel mit massiver Entzündung und Abszessen des linken Armes. Richard von Volkmann aus Halle (1830 - 1889 ) wurde hinzugezogen, aber man konnte sich nicht zur damals eigentlich üblichen Amputation entschließen. Bis zum Februar 1880 war von Bergmann bettlägerig zu Hause und wurde von seiner Gattin Pauline und Ottmar von Angerer versorgt. Er überstand nach den zeitgenössischen Beschreibungen eine schwere Sepsis mit Pleuritis, Endo- / Myocarditis und war erst im März 1880 wieder in der Lage, seine klinische Tätigkeit aufzunehmen.

 

1882 erfolgte die Berufung auf den Lehrstuhl an der Friedrich-Wilhelms-Universität (Charité) als Nachfolger Bernhard von Langenbecks (1810 - 1887) in das von diesem erbaute Klinikum in der Ziegelstrasse. Von Bergmann entwickelte rasch einen Ruf als exzellenter Operateur und herausragender klinischer Lehrer. Sein berühmtester Patient verschaffte ihm internationale Beachtung. Kronprinz Friedrich von Preußen (1831 - 1888) entwickelte Anfang 1887 eine chronische Heiserkeit und begab sich zur Kur nach Bad Ems. Da die Heiserkeit sich nicht besserte, begab er sich schließlich zur Untersuchung an die Charité. Am 16.05.1887 diagnostizierte von Bergmann ein Carcinom eines Stimmbandes und schlug die operative Entfernung des Kehlkopfes für den 22. Mai vor. Diese Technik der Laryngektomie war 1873 von Theodor Billroth (1829 - 1894) in Wien erstbeschrieben worden, in den Folgejahren wurden unter 30 dieser Operationen dokumentiert, davon 5 von von Bergmann. Da die Sterblichkeitsrate bei 80 - 90 % lag, verwundert es nicht, dass auf Betreiben des Reichskanzlers Otto von Bismarck und der Kronprinzessin Victoria eine Zweitmeinung eingeholt werden sollte, zumal von Bergmann nicht als Spezialist für Kehlkopferkrankungen galt.

 

Die Wahl fiel auf den Engländer Sir Morell Mackenzie (1837 - 1892), der im angloamerikanischen Sprachraum als Begründer der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde als eigene Disziplin anerkannt war. Dieser führte am 21. Mai eine Biopsie durch und der Pathologe Rudolf Virchow (1821 - 1902) diagnostizierte eine "Pachydermie", also einen gutartigen Befund. Die Beschreibung der Behandlung durch Mackenzie fand Eingang in den Scientific American, wo man dem Arzt und dem Deutschen Volk viel Erfolg wünschte. Die Veränderung entwickelte sich jedoch immer wieder und wurde mehrfach nachbiopsiert, bis schließlich das Vorliegen einer bösartigen Geschwulst klinisch zweifelsfrei war. Es entspann sich eine sehr unfreundliche Diskussion auf dem Boulevard. Mackenzie wurde vorgeworfen, das falsche Stimmband biopsiert zu haben und Virchow wurde unterstellt, aus politischen Gründen bewusst eine Fehldiagnose gestellt zu haben. Auch von Bergmann, der eigentlich von Beginn an Recht gehabt hatte, musste sich gegen sehr bösartige Unterstellungen wehren.

 

Der Zustand des Kronprinzen verschlechterte sich kontinuierlich und er begab sich mit einem ganzen Tross behandelnder Ärzte, darunter auch Morell Mackenzie, nach Cannes. Von Bergmann stellte seinen Assistenten Gustav von Brahmann (1854 - 1913, später Ordinarius in Halle) zur Begleitung ab. Anfang Februar 1888 häuften sich beim Kronprinzen Erstickungsanfälle und v. Bergmanns Erscheinen war gewünscht. Noch auf der Reise nach Cannes versuchte von Brahmann ihn telegraphisch zu erreichen und entschloss sich schließlich - ohne Unterstützung durch die anderen anwesenden Ärzte -zur notfallmäßigen Tracheotomie, die trotz abenteuerlicher Bedingungen auch gelang. Nach von Bergmanns Eintreffen entspann sich ein Wettbewerb um die Richtigkeit der Behandlung, die erst mit der Rückreise des am 09.03.1888 zum Nachfolger Wilhelms I. ernannten Kronprinzen als Kaiser Friedrich III. nach Potsdam endete. Nach kurzer und krankheitsbedingt eingeschränkter Regierungszeit verstarb Friedrich III. am 15.06.1888 im Neuen Palais und wurde in der Friedenskirche in Potsdam bestattet.

 

Der Diskurs mit Mackenzie beschäftigte von Bergmann sehr lange, und noch 1900, als ihm in London die Honorary Fellowship des Royal College of Surgeons im Beisein von Sir Joseph Lister (1827 - 1912) in London verliehen wurde, schrieb er: "Die englische gelehrte Welt wollte mir eine Art Satisfaktion für die Angriffe geben, die man in der Mackenzie - Zeit gegen mich gerichtet hatte."

 

Das wissenschaftliche Werk von Ernst von Bergmann ist äußerst umfangreich. Zusammen mit Paul von Bruns (1846 - 1916, Tübingen) und Johann von Miculicz - Radecki (1850 - 1905) gab er das Handbuch der Praktischen Chirurgie in 6 Bänden heraus. Der erste Band 1889 enthält die von ihm verfasste chirurgische Behandlung von Hirnkrankheiten, so dass von Bergmann heute auch als Begründer der Neurochirurgie gilt. Das Handbuch galt weltweit als Standardwerk und wurde auch ins Englische übersetzt und 1904 in den USA publiziert.

 

Von Bergmann entschied sich, den Wohnsitz der Familie nach Potsdam zu verlegen. 1890 erfolgte die Grundsteinlegung für eine Villa am Tiefen See in der Berliner Vorstadt, die heute noch existiert. Auch an seinem Wohnort blieb von Bergmann nicht untätig. Am 02.02.1899 führte er die erste Appendectomie als Gastarzt im damaligen Städtischen Krankenhaus durch. Mit der Witwe eines seiner Patienten, Clara Hoffbauer (1830 - 1909), gründete er am 25.10.1901 die nach ihr benannte Stiftung auf Hermannswerder als Erziehungsanstalt für verwaiste evangelische Mädchen gebildeter Stände, Krankenhaus und Diakonissenmutterhaus. 1903 verfasste er die "Instruktionen für den Leitenden Arzt der Hoffbauer -Stiftung Hermannswerder" und war an der Berufung beteiligt. Bis zu seinem Tode behielt er den Vorsitz des Kuratoriums.

 

Anfang des Jahres 1907 fühlte sich von Bergmann unwohl und erwog, den Lehrstuhl an der Charité aufzugeben. Er begab sich zur Kur nach Wiesbaden; sein Zustand verschlechterte sich. Nach einer Notoperation mit Anlage einer Darmfistel verstarb von Bergmann am 25.03.1907 laut Obduktionsbericht an "Bauchfellentzündung, Pancreasnekrose und Dickdarmstenose". Das Ableben von Bergmanns wurde international wahrgenommen. In zahlreichen Fachzeitschriften erschienen Nachrufe, in der New York Times vom 26.03.1907 wurde allerdings fälschlicherweise als Todesursache eine Appendicitis angegeben.

 

Nach Rücktransport des Leichnams nach Berlin wurde dieser zunächst mit einem Fackelzug zum Hauptgebäude der Friedrich - Wilhelms - Universität verbracht. Danach erfolgte die Aufbahrung des Sarges am damaligen Sitz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, dem alten Langenbeck - Haus in der Ziegelstrasse. Die Bestattung erfolgte auf dem Alten Friedhof in Babelsberg, die Grabstätte ist noch immer erhalten.

 

Bis heute existieren zahlreiche Gedenkstätten, darunter das Geburtshaus in Riga und ein Denkmal im heutigen Tartu. Seit 1962 trägt die höchste Auszeichnung der Bundesärztekammer für Verdienste um die Ärztliche Fortbildung den Namen Ernst von Bergmanns. Die Akademie des Sanitäts- und Gesundheitswesens der Bundeswehr hat ihren Sitz in der Ernst von Bergmann - Kaserne in München. Das Klinikum der Landeshauptstadt Potsdam, Sitz des letzten Wohnortes von Ernst von Bergmann, ist stolz, seinen Namen führen zu dürfen.

 

Literatur Buchholtz, A.: Ernst von Bergmann. F.C.W. Vogel, Leipzig (1911)

 

 

Autor

Prof. Dr. med. Hubertus J.C. Wenisch